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Psychologie der Macht: warum Status nicht dasselbe ist wie Macht

Von Julius KernAktualisiert am 31. Oktober 20269 Min. Lesezeit

Macht fasziniert, weil sie so eindeutig scheint: Wer sie hat, bestimmt. Die Psychologie zeichnet ein genaueres Bild. Macht und Status sind zwei verschiedene Dinge, sie folgen verschiedenen Regeln, und Macht verändert die Menschen, die sie haben, auf vorhersagbare Weise. Dieser Ratgeber erklärt, was die Forschung über die Psychologie der Macht weiß, warum Respekt sich nicht befehlen lässt und welchen Preis jeder zahlt, der oben steht.

Macht und Status: zwei verschiedene Währungen

Kurz gesagt

Macht ist Kontrolle über Ressourcen, also die Möglichkeit, anderen etwas zu geben oder zu nehmen. Status ist der Respekt, den andere dir freiwillig entgegenbringen. Macht kann man verliehen bekommen, Status nicht. Ein Chef ohne Respekt hat Macht ohne Status, ein Mann, dem alle zuhören, ohne dass er etwas zu vergeben hat, hat Status ohne Macht.

Die Organisationspsychologen Joe Magee und Adam Galinsky haben 2008 in einer viel zitierten Übersichtsarbeit beschrieben, wie beide Formen zusammenhängen und sich gegenseitig verstärken. Wer Macht hat, bekommt leichter Status, und wer Status hat, kommt leichter an Macht. Trotzdem bleiben sie verschieden. Macht beruht auf Abhängigkeit, Status auf Anerkennung.

Die Rangordnung bringt den Unterschied in einer der häufigen Fragen am Ende des Buches auf den Punkt: Macht endet mit dem Amt, dem Geld oder der Kraft, auf der sie beruht. Status überdauert sie, wenn er aus Können und Verlässlichkeit entstanden ist. Die meisten jagen der Macht hinterher und wundern sich, dass der Respekt ausbleibt.

Für den Alltag heißt das: Ein Titel ist nicht dasselbe wie Gewicht. Titel, Geld, Besitz und Funktion stehen auf dem Papier. Status entsteht im Raum. Ein Vereinsvorsitzender kann jedes Recht der Welt haben, die Tagesordnung festzulegen, und trotzdem wartet die Runde nach jedem seiner Vorschläge auf das Nicken eines anderen. Das Buch macht diesen Unterschied gleich im ersten Kapitel zum Gesetz.

Was Macht mit dem Kopf macht

Die Psychologie der Macht hat in den letzten Jahrzehnten eine Reihe bemerkenswerter Befunde geliefert. Sie sind keine Naturgesetze, aber sie zeigen Tendenzen, die man kennen sollte, bevor man aufsteigt.

Mächtige sehen andere schlechter

Adam Galinsky und Kollegen haben 2006 ein einfaches Experiment veröffentlicht. Versuchspersonen sollten sich einen großen Buchstaben E auf die eigene Stirn zeichnen. Wer zuvor in ein Gefühl von Macht versetzt worden war, zeichnete das E deutlich häufiger so, dass es für ihn selbst richtig herum war, für jeden Betrachter aber spiegelverkehrt. Macht verschiebt den Blick nach innen. Man denkt seltener daran, wie die Welt aus der Perspektive des anderen aussieht.

Macht verändert den Blick auf die anderen

Der Psychologe David Kipnis hat schon 1972 untersucht, wie sich Menschen verhalten, die Macht über andere bekommen. In seinen Versuchen neigten Teilnehmer mit mehr Machtmitteln dazu, diese auch einzusetzen, die Leistung der Untergebenen eher sich selbst zuzuschreiben und Abstand zu ihnen zu halten. Die Frage im Titel seiner Arbeit, ob Macht korrumpiert, beantwortete er vorsichtig, aber deutlich.

Das Machtparadox

Der Psychologe Dacher Keltner hat diese Befunde in seinem Buch über das Machtparadox zusammengeführt. Seine These: Menschen gewinnen Einfluss meist durch soziale Fähigkeiten wie Empathie, Fairness und Großzügigkeit. Sobald sie ihn haben, verlieren viele genau diese Fähigkeiten. Wer aufsteigt, ist also gefährdet, die Eigenschaften zu verlieren, die ihn nach oben gebracht haben.

Der Preis, den die meisten Machtbücher weglassen

Kurz gesagt

Wer oben steht, bezahlt dreifach: mit Information, weil schlechte Nachrichten nicht mehr nach oben dringen, mit Urteilskraft, weil er vor allem Zustimmung hört, und mit Beziehungen, weil jeder Aufstieg einen anderen relativ nach unten schiebt. Der Preis wird nicht sofort fällig, sondern nach ein, zwei Jahren.

Das fünfte Kapitel der Rangordnung handelt ausschließlich von diesem Preis, in sechs Gesetzen. Die Forschung liefert die Richtung: Wer oben steht, bekommt weniger ehrliche Rückmeldung, weil jede unangenehme Wahrheit für den Überbringer ein Risiko ist. Und Zustimmung nach oben folgt oft dem Rang, nicht der Qualität einer Idee.

Das Buch zeigt den Mechanismus an einer Bergtour, bei der mehrere Männer sehen, dass das Wetter kippt, und es dem erfahrensten Mann der Gruppe nicht klar sagen. Wer im Rang weit unten steht, formuliert Bedenken nach oben so vorsichtig, dass sie nicht ankommen.

Die langsamste und gefährlichste Wirkung betrifft die Person selbst. Wer lange eine Position innehat, verändert sein Verhalten, und irgendwann sein Bild von sich selbst. Der Vater, der seit zwanzig Jahren das letzte Wort hat, merkt nicht mehr, dass er es hat.

Was die Forschung gegen den Preis der Macht empfiehlt

Organisationsforscher haben über Jahrzehnte untersucht, wie Entscheider ihre blinden Flecken verkleinern. Einige Befunde sind erstaunlich einfach.

  1. Widerspruch einbauen

    Gruppen entscheiden besser, wenn Gegenargumente ausdrücklich erwünscht sind, etwa durch die Rolle eines Advocatus Diaboli. Wer Widerspruch einlädt, bekommt ihn auch.

  2. Die Perspektive wechseln

    Galinskys Experiment zeigt, dass Macht den Blick nach innen dreht. Die bewusste Frage, wie eine Entscheidung aus der Sicht der Betroffenen aussieht, wirkt dem entgegen.

  3. Rückmeldung von unten ernst nehmen

    Wer unangenehme Rückmeldung belohnt statt bestraft, bekommt mehr davon. Wer sie bestraft, wird bald nur noch Zustimmung hören.

  4. Orte, an denen die Rolle nicht zählt

    Sport, ein Handwerk, alte Freundschaften, ein Kurs, in dem du Anfänger bist. Diese Bereiche sind kein Ausgleich, sondern eine Korrektur gegen die Wirkung der Rolle.

Welche Gegenmittel das Buch für jede einzelne dieser Kosten nennt, steht im fünften Kapitel. Sie sind schlicht, aber unbequem, und genau deshalb werden sie selten angewendet.

Macht zeigen kostet Status

Ein letzter Befund verbindet Macht und Status auf eine Weise, die viele überrascht. Wer seine Macht demonstriert, durch Warten lassen, durch Herablassung, durch beiläufig erwähnte Kontakte, signalisiert oft Unsicherheit über die eigene Position. Der Ökonom Thorstein Veblen hat schon 1899 beobachtet, dass demonstrativer Konsum vor allem bei denen auftritt, die ihren Platz erst beweisen müssen.

Die Geschichte liefert dazu das stärkste Beispiel des Buches. George Washington gab nach dem Unabhängigkeitskrieg sein Kommando zurück, statt es zu nutzen, und später das Präsidentenamt nach zwei Amtszeiten. Gerade dieser Verzicht auf Macht machte ihn zum unangefochtenen Bezugspunkt einer ganzen Nation. Das siebte Kapitel der Rangordnung nennt das Macht abgeben als höchste Form von Status.

Was das für deinen Alltag bedeutet

Die meisten Männer haben keine Armeen und keine Konzerne. Aber fast jeder hat irgendwo Macht: als Vater, als älterer Bruder, als Trainer, als derjenige, der im Freundeskreis die Reisen organisiert. Und fast jeder steht irgendwo unter jemandem, der Macht über ihn hat. Die Psychologie der Macht hilft in beiden Lagen.

Wenn du oben stehst, frag dich: Wann hat dir zuletzt jemand etwas gesagt, das du nicht hören wolltest, ohne dass du danach gefragt hast? Wenn dir keine Antwort einfällt, hast du kein ruhiges Umfeld, sondern ein Informationsproblem.

Wenn du unten stehst und etwas nach oben sagen musst, ist die Andeutung dein größter Feind. Sätze mit „vielleicht“, „oder?“ und „ich weiß ja nicht“ kommen über einen großen Abstand nicht an. Wie man Bedenken nach oben so formuliert, dass sie ankommen, ohne jemanden anzugreifen, zeigt das Buch an genau dieser Bergtour.

Und wenn du wissen willst, wie die bekannteste Machtschule überhaupt mit diesen Fragen umgeht, lies den Ratgeber zu Die 48 Gesetze der Macht. Für den Umgang mit Widerspruch und Kritik, wenn du selbst ihr Ziel bist, gibt es Mit Kritik souverän umgehen.

Macht ohne Status: der mächtigste Mann ohne Einfluss

Das siebte Kapitel der Rangordnung erzählt von Lyndon B. Johnson, einem der geschicktesten Machtpolitiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Mehrheitsführer im Senat bestimmte er, was verabschiedet wurde. Als Vizepräsident hatte er plötzlich ein höheres Amt und kaum noch Einfluss. Der Rang war gestiegen, der Status gefallen. Das Kapitel trägt den Titel: Der mächtigste Mann ohne Einfluss.

Die Lehre daraus ist für jeden nützlich, der aufsteigt. Ein höherer Titel bringt nicht automatisch mehr Gewicht. Gewicht hängt daran, ob andere auf deine Reaktion warten, ob du Dinge möglich machst und ob dein Wort etwas verändert. Wer nur den Rang wechselt, ohne diese Grundlagen mitzunehmen, steht oben und wird übergangen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Macht und Status?

Macht ist die Möglichkeit, anderen etwas zu geben oder zu nehmen, sie zu belohnen oder zu bestrafen. Status ist das Gewicht, das dein Wort hat, ohne dass du drohen oder belohnen musst. Macht endet mit dem Amt, dem Geld oder der Kraft, auf der sie beruht. Status kann sie überdauern, wenn er aus Können und Verlässlichkeit entstanden ist.

Verdirbt Macht den Charakter?

Die Forschung zeigt Tendenzen, keine Zwangsläufigkeit. In Experimenten nehmen Menschen, die sich mächtig fühlen, die Perspektive anderer schlechter ein und handeln impulsiver. Langfristige Macht verändert Gewohnheiten und Selbstbild. Wer Bereiche pflegt, in denen seine Rolle nicht zählt, und sich bewusst Widerspruch holt, kann diesen Effekt deutlich abschwächen.

Was ist das Machtparadox?

Der Begriff stammt vom Psychologen Dacher Keltner. Er beschreibt, dass Menschen Macht oft durch soziale Fähigkeiten wie Empathie und Fairness gewinnen und genau diese Fähigkeiten verlieren, sobald sie Macht haben. Wer aufsteigt, ist deshalb gefährdet, die Eigenschaften zu verlieren, die ihn nach oben gebracht haben.

Warum hören Mächtige so wenig Widerspruch?

Weil jede schlechte Nachricht nach oben ein Risiko für den Überbringer ist. Je größer der Abstand im Rang, desto weniger wird von unten nach oben gesagt. Das Gegenmittel: nach Einwänden fragen statt nach Meinungen, die eigene Meinung zuletzt sagen und jeden Widerspruch sichtbar gut behandeln.

Weiterlesen

Quellen und weiterführende Literatur
  1. Keltner, D. (2016): The Power Paradox. How We Gain and Lose Influence. New York: Penguin Press.
  2. Galinsky, A. D., Magee, J. C., Inesi, M. E. & Gruenfeld, D. H. (2006): Power and perspectives not taken. Psychological Science, 17(12), 1068–1074.
  3. Kipnis, D. (1972): Does power corrupt? Journal of Personality and Social Psychology, 24(1), 33–41.
  4. Magee, J. C. & Galinsky, A. D. (2008): Social hierarchy: The self-reinforcing nature of power and status. The Academy of Management Annals, 2(1), 351–398.
  5. Pfeffer, J. (2010): Power. Why Some People Have It and Others Don't. New York: HarperBusiness.