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Pokerface lernen: warum dein Gesicht weniger verrät als deine Worte

Von Julius KernAktualisiert am 1. November 20269 Min. Lesezeit

Der Verkäufer nennt den Preis, und noch bevor du etwas sagst, hat er an deinem Gesicht gesehen, ob er zu hoch oder zu niedrig war. Ein Pokerface soll genau das verhindern. Die meisten stellen sich darunter ein starres, ausdrucksloses Gesicht vor, und genau das funktioniert schlecht. Dieser Ratgeber erklärt, was ein Pokerface wirklich ist, was Gesicht und Stimme verraten und warum das größte Leck fast nie die Mimik ist, sondern das, was du sagst.

Was ein Pokerface bedeutet

Kurz gesagt

Ein Pokerface ist ein Gesichtsausdruck, der nichts über deine Gedanken und Gefühle verrät. Der Begriff kommt vom Poker, wo Spieler weder Freude über ein gutes noch Enttäuschung über ein schlechtes Blatt zeigen dürfen. Im Alltag steht er für Gelassenheit, die sich nicht in die Karten schauen lässt, egal ob beim Autokauf oder am Familientisch.

Beim Poker hängt viel davon ab, was die anderen nicht wissen. Wer ein starkes Blatt hat und es zeigt, bekommt keine Einsätze mehr. Wer ein schwaches hat und es zeigt, wird überboten. Spieler achten deshalb auf sogenannte Tells: kleine, unwillkürliche Zeichen, die verraten, was jemand in der Hand hält. Der Pokerspieler Mike Caro hat diese Zeichen in einem eigenen Buch gesammelt, und viele davon sind erstaunlich alltäglich: der Spieler, der mit einem starken Blatt plötzlich besonders gelangweilt wirkt, der Blick, der zu lange auf den eigenen Karten bleibt, das Zittern der Hand, das eher Aufregung über ein gutes Blatt verrät als Angst.

Außerhalb des Kartentischs gilt dieselbe Logik. Jede Verhandlung, jeder Streit und jede Entscheidung, bei der es um etwas geht, hat eine Seite, die mehr weiß, und eine, die raten muss. Ein Pokerface sorgt dafür, dass der andere raten muss.

Was dein Gesicht tatsächlich verrät

Die Vorstellung, dass das Gesicht alles verrät, ist populär und nur halb richtig. Der Psychologe Paul Ekman hat beschrieben, dass Gefühle sich in kurzen, unwillkürlichen Gesichtsausdrücken zeigen können, auch wenn jemand versucht, sie zu verbergen. Stephen Porter und Leanne ten Brinke haben 2008 in einem Experiment gezeigt, dass solche Gefühle tatsächlich gelegentlich durchsickern, wenn Menschen eine Emotion vortäuschen oder unterdrücken. Allerdings waren diese Momente kurz, unvollständig und nicht bei allen Teilnehmern vorhanden.

Für den Alltag heißt das: Dein Gesicht verrät etwas, aber weniger, als du fürchtest, und andere lesen es schlechter, als sie glauben. Charles Bond und Bella DePaulo haben 2006 eine große Zahl von Studien ausgewertet und gefunden, dass Menschen Lügen im Durchschnitt nur knapp besser als per Zufall erkennen. Das ist eine gute Nachricht für dein Pokerface. Die schlechte folgt im nächsten Abschnitt.

Das größte Leck sind nicht die Augen, sondern die Worte

Kurz gesagt

Die meisten Menschen verraten sich nicht durch ihr Gesicht, sondern durch das, was sie sagen: eine schnelle Zusage, eine Begründung, eine Nachfrage zu viel. Ein Pokerface im Gesicht nützt wenig, wenn die Worte alles ausplaudern. Wer weniger erklärt und Pausen aushält, schützt mehr als jede kontrollierte Mimik.

Stell dir den Autokauf vor. Du hast dein Gesicht perfekt im Griff, als der Preis fällt. Dann sagst du: „Hm, das ist schon ein bisschen mehr, als ich eigentlich ausgeben wollte, aber das Auto gefällt mir echt gut.“ In einem einzigen Satz hast du verraten, dass du ein Budget hast, dass es knapp darunter liegt und dass du das Auto willst. Der Verkäufer muss dein Gesicht gar nicht mehr lesen.

Die Neurowissenschaftler Diana Tamir und Jason Mitchell haben 2012 gezeigt, warum das so schwer zu vermeiden ist. Über sich selbst zu sprechen aktiviert im Gehirn Belohnungssysteme, ähnlich wie Essen oder Geld. Versuchspersonen verzichteten in ihren Experimenten sogar auf kleine Geldbeträge, um über sich selbst reden zu dürfen. Reden über sich fühlt sich gut an. Genau deshalb plaudert man aus, ohne es zu merken.

Band II der Reihe Die Gesetze der Macht, Wer spricht, verliert, beginnt deshalb mit einem Gesetz, das genau diesen Moment beschreibt: Gesetz 1, Wer zuerst erklärt, hat schon verloren. Wer in einem Gespräch als Erster ausführlich erklärt, warum er etwas will, hat seine Karten aufgedeckt, bevor er die des anderen kennt. Das Gesicht kann dabei völlig unbewegt sein.

Pokerface lernen: die vier Ebenen

  1. Das Tempo

    Die meisten Reaktionen verraten sich, weil sie sofort kommen. Wer eine Sekunde wartet, bevor er auf eine Zahl, ein Angebot oder eine Neuigkeit reagiert, gibt seinem Gesicht Zeit, ruhig zu werden. Langsamkeit ist die Grundlage jedes Pokerface.

  2. Der Atem

    Überraschung zeigt sich zuerst im Atem: ein kurzes Einziehen, ein hörbares Ausatmen. Ruhiges, gleichmäßiges Atmen durch die Nase in angespannten Momenten verhindert viele dieser kleinen Signale.

  3. Die Stimme

    Eine Stimme, die nach oben geht, verrät Unsicherheit oder Begeisterung. Wer Sätze mit gleichbleibender oder leicht sinkender Stimme beendet, klingt bestimmt, auch wenn er innerlich aufgeregt ist.

  4. Die Worte

    Die wichtigste Ebene. Nicht sofort kommentieren, nicht sofort begründen, nicht laut denken. Ein kurzes „Verstehe“ oder „Ich überlege es mir“ ist ein Pokerface in Worten.

Schweigen als Teil des Pokerface

Ein unbewegtes Gesicht ohne Schweigen ist nur die halbe Sache. Die zweite Hälfte ist die Fähigkeit, nach einer Zahl, einer Frage oder einer Forderung einfach nichts zu sagen. Wer spricht, verliert formuliert das in einem weiteren Gesetz zur Probe: Gesetz 8, Schweigen ist keine Lücke, sondern ein Angebot. Wenn du nach einer Frage oder Forderung nicht sofort weiterredest, entsteht ein Loch, und Löcher werden gefüllt. Meistens füllt sie der andere, mit Information, die er nicht geplant hatte preiszugeben.

Das ist der eigentliche Grund, warum gute Pokerspieler so ruhig wirken. Sie verbergen nicht nur ihre Gefühle, sie lassen die anderen reden. Wer die Stille aushält, erfährt mehr. Mehr dazu im Ratgeber Die Macht des Schweigens.

Pokerface ohne Kälte

Ein häufiger Fehler beim Üben ist das starre Gesicht. Wer jeden Ausdruck unterdrückt, wirkt nicht gelassen, sondern angespannt, und Anspannung ist selbst ein Signal. Gute Verhandler wirken eher freundlich-ruhig als leer. Sie lächeln, wenn es passt, sie nicken, wenn sie verstanden haben, aber sie zeigen keine Bewertung: keine Begeisterung über das Angebot, keine Empörung über den Preis.

  • Freundlich statt leer: Ein leicht zugewandtes, ruhiges Gesicht verrät weniger als ein krampfhaft ausdrucksloses.
  • Aufmerksamkeit zeigen, Bewertung nicht: „Verstehe“ statt „Oh, das ist viel“.
  • Gleich bleiben: Ein Pokerface wirkt nur, wenn es bei guten und schlechten Nachrichten gleich aussieht.
  • Keine Ersatzhandlungen: Wer statt des Gesichts mit den Händen, dem Stift oder dem Handy spielt, verlagert das Signal nur.

Wenn jemand Druck macht

Die größte Prüfung für jedes Pokerface ist Zeitdruck. „Das Angebot gilt nur heute.“ „Ich brauche bis heute Abend eine Antwort.“ Unter Druck reagiert man schneller, und schnelle Reaktionen verraten mehr. Die dritte Leseprobe aus Band II ist genau für diesen Moment geschrieben: Gesetz 43, Misstraue der Dringlichkeit. Zeitdruck ist das älteste Mittel, um sorgfältiges Denken auszuschalten, und fast jede Dringlichkeit, die dir von außen gemacht wird, hält einer Prüfung nicht stand.

Ein Pokerface ist in diesem Moment nicht nur ein Gesichtsausdruck, sondern eine Haltung: Du nimmst den Druck zur Kenntnis, ohne ihn zu übernehmen. Ein ruhiges „Dann wird es heute nichts“ ist oft das stärkste Pokerface, das es gibt.

Die Übung für diese Woche

Nimm dir eine Situation vor, in der jemand dir eine Zahl nennt: ein Preis, ein Angebot, eine Rechnung. Reagiere nicht sofort, sondern zähle innerlich bis drei, atme ruhig und sag dann nur „Verstehe“. Beobachte, was der andere in der Stille tut. Wer mehr darüber wissen will, wie man in Gesprächen mehr erfährt als preisgibt, liest Fragetechniken im Gespräch. Und wer verstehen will, wie man umgekehrt andere liest, findet die Antwort in Menschen lesen.

Und ein letzter Hinweis: Ein Pokerface ist kein Dauerzustand. Unter Freunden, in der Familie und in der Partnerschaft darf dein Gesicht zeigen, was du fühlst. Das Pokerface ist ein Werkzeug für die Momente, in denen es um etwas geht, nicht eine Maske für jeden Tag.

Häufige Fragen

Was bedeutet Pokerface?

Ein Pokerface ist ein Gesichtsausdruck, der nichts über die eigenen Gedanken oder Gefühle verrät. Der Begriff stammt vom Pokerspiel, bei dem Spieler versuchen, weder Freude über ein gutes noch Enttäuschung über ein schlechtes Blatt zu zeigen. Im Alltag steht er für Gelassenheit, die sich nicht in die Karten schauen lässt.

Kann man ein Pokerface lernen?

Ja, zumindest seine wichtigsten Teile. Ein ruhiges Gesicht entsteht weniger durch Kontrolle einzelner Muskeln als durch einen ruhigen Zustand: langsamer atmen, langsamer sprechen, nicht sofort reagieren. Wer übt, Pausen auszuhalten und nicht jedes Gefühl zu kommentieren, wirkt mit der Zeit von selbst unbewegter.

Wirkt ein Pokerface nicht kalt?

Ein starres Gesicht schon. Ein gutes Pokerface ist aber nicht ausdruckslos, sondern freundlich und ruhig. Es zeigt Aufmerksamkeit, ohne Zustimmung oder Ablehnung preiszugeben. Wer im Gespräch zugewandt bleibt und trotzdem nicht jede Regung sichtbar macht, wirkt gelassen, nicht kalt.

Kann man Lügen am Gesicht erkennen?

Deutlich schlechter, als viele glauben. Große Auswertungen zeigen, dass Menschen Lügen im Schnitt nur knapp besser als per Zufall erkennen. Gefühle können zwar kurz im Gesicht aufblitzen, aber diese Signale sind unzuverlässig und mehrdeutig. Inhaltliche Widersprüche verraten meist mehr als Mimik.

Wo brauche ich ein Pokerface im Alltag?

Überall dort, wo dein Gegenüber aus deiner Reaktion etwas ableiten kann: beim Autokauf, wenn der Preis genannt wird, bei Gehalts- und Mietverhandlungen, beim Handwerkerangebot, bei Familienentscheidungen und natürlich am Kartentisch.

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Quellen und weiterführende Literatur
  1. Bond, C. F. & DePaulo, B. M. (2006): Accuracy of deception judgments. Personality and Social Psychology Review, 10(3), 214–234.
  2. Porter, S. & ten Brinke, L. (2008): Reading between the lies: Identifying concealed and falsified emotions in universal facial expressions. Psychological Science, 19(5), 508–514.
  3. Caro, M. (2003): Caro's Book of Poker Tells. New York: Cardoza.
  4. Ekman, P. (2003): Emotions Revealed. New York: Times Books.
  5. Tamir, D. I. & Mitchell, J. P. (2012): Disclosing information about the self is intrinsically rewarding. Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(21), 8038–8043.