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Körpersprache beim Mann: was Status zeigt und was in Studien durchgefallen ist

Von Julius KernAktualisiert am 31. Oktober 20269 Min. Lesezeit

Breitbeinig sitzen, Hände in die Hüften, vor dem Termin zwei Minuten die Siegerpose: Kaum ein Thema hat so viele Tipps hervorgebracht wie die Körpersprache von Männern, und kaum eines so viele falsche. Einige der berühmtesten Empfehlungen sind in wissenschaftlichen Überprüfungen durchgefallen. Dieser Ratgeber zeigt, was davon übrig bleibt, welche Signale Status tatsächlich zeigen und wie du sie übst, ohne zu posieren.

Was mit der Power Pose passiert ist

Kurz gesagt

2010 berichtete eine Studie, dass zwei Minuten in einer raumgreifenden Haltung Hormone und Risikobereitschaft verändern. Eine größere Nachuntersuchung von 2015 konnte die hormonellen und verhaltensbezogenen Effekte nicht bestätigen. Eine der Autorinnen der Originalstudie distanzierte sich später öffentlich. Geblieben ist allenfalls ein subjektives Gefühl von Stärke.

Die Studie von Dana Carney, Amy Cuddy und Andy Yap erschien 2010 und wurde durch einen der meistgesehenen Vorträge im Internet weltberühmt. Die Botschaft war verführerisch: Zwei Minuten in der richtigen Haltung, und du gehst stärker in jedes Gespräch. Eva Ranehill und Kollegen wiederholten das Experiment 2015 mit deutlich mehr Teilnehmern. Die Haltung veränderte weder die Hormonwerte noch das Verhalten messbar. Dana Carney erklärte 2016 auf ihrer Website, sie glaube nicht mehr, dass der Effekt real sei.

Die Rangordnung nimmt diesen Befund ernst und sagt es deutlich: Die meisten Ratgeber überschätzen die Körpersprache, und einige ihrer bekanntesten Empfehlungen haben in Überprüfungen nicht standgehalten, darunter die berühmte Siegerpose. Was wirkt, ist nicht eine Haltung, die du einnimmst, sondern Verhalten.

Welche Signale Status wirklich zeigen

Die Psychologin Judith Hall und ihre Kollegen haben 2005 in einer großen Metaanalyse untersucht, welche nonverbalen Verhaltensweisen tatsächlich mit Rang zusammenhängen und welche nur dafür gehalten werden. Ein zentrales Ergebnis: Beobachter glauben an viel mehr und viel stärkere Zusammenhänge, als es tatsächlich gibt. Körpersprache ist ein schwächerer Statusanzeiger, als die Ratgeberbranche verkauft. Ein paar Signale sind aber verlässlich, und die Rangordnung baut auf genau diesen auf.

Erstens: Raum

Wie viel Platz jemand für Körper, Sachen und Redezeit beansprucht, wird als Aussage über seinen Rang gelesen. Das ist eines der ältesten Signale überhaupt, bei Tieren wie bei Menschen. Wer dir systematisch Raum nimmt, provoziert schnell eine Gegenpose, und genau die wirkt meist lächerlich. Was stattdessen wirkt, beschreibt das Buch im zweiten Kapitel.

Zweitens: Tempo

Hastige Bewegungen, schnelles Sprechen, ständiges Nachjustieren am Kragen oder am Handy signalisieren Anspannung. Langsamkeit signalisiert, dass du nichts zu befürchten hast. Das gilt für die Stimme genauso wie für den Gang zum Tresen.

Drittens: Der Blick

Kurz gesagt

Beim Blickkontakt zählt nicht die Menge, sondern die Verteilung. Menschen mit hohem Status sehen ihr Gegenüber an, während sie selbst sprechen, und lassen den Blick beim Zuhören auch mal wandern. Menschen mit niedrigem Status starren beim Zuhören und sehen beim eigenen Sprechen weg.

Die Forschung nennt das visuelle Dominanz. John Dovidio und Steve Ellyson haben 1982 gezeigt, dass Beobachter Menschen als mächtiger einschätzen, die beim Sprechen mehr und beim Zuhören weniger Blickkontakt halten. Die meisten Männer machen es genau falsch herum: Sie hören angestrengt zu, Augen fest auf den anderen gerichtet, und schauen beim eigenen Satz auf den Tisch.

Viertens: Ruhe im Kopf

Der Theaterlehrer Keith Johnstone hat beobachtet, dass Schauspieler sofort höher wirken, wenn sie beim Sprechen den Kopf stillhalten. Kleine Nickbewegungen, ein schräg gelegter Kopf, ein Lächeln nach jedem Satz: Das sind Gesten der Beschwichtigung. Sie sind nicht falsch, sie haben ihren Platz. Aber wer sie in jedem Satz sendet, bittet in jedem Satz um Zustimmung.

Die Körpersprache der Unsicherheit

  • Selbstberührungen an Hals, Gesicht und Nacken, besonders in Momenten, in denen es eng wird.
  • Der kleine Rückzug: beim Hinsetzen automatisch den schlechteren Platz nehmen, auf dem Gehweg sofort ausweichen.
  • Lachen nach dem eigenen Satz, als Entschuldigung dafür, dass man etwas gesagt hat.
  • Das Handy als Schutzschild, in der Hand statt auf dem Tisch oder in der Tasche.
  • Der suchende Blick in die Runde nach jedem Satz, ob er angekommen ist.

Keines dieser Signale ist ein Charakterurteil. Es sind Gewohnheiten, und Gewohnheiten lassen sich ändern. Der erste Schritt ist, sie überhaupt zu bemerken. Wer eine Woche lang darauf achtet, welchen Platz er beim Hinsetzen automatisch wählt und wo sein Handy liegt, sieht ein Muster, das ihm vorher nie aufgefallen ist.

Warum Gegenposen nicht funktionieren

Ein verbreiteter Tipp lautet, auf dominante Körpersprache mit noch dominanterer zu antworten. Die Psychologinnen Larissa Tiedens und Alison Fragale haben 2003 gezeigt, dass Menschen auf dominante Haltungen tendenziell komplementär reagieren, also mit weniger Raumnahme, und sich dabei sogar wohler fühlen als bei Spiegelung. Zwei, die beide Raum beanspruchen, erzeugen Reibung. Wer sich auf ein Posenduell einlässt, landet in einem Wettbewerb, den keiner gewinnt und der für Zuschauer lächerlich aussieht.

Der stärkere Zug ist Gleichgültigkeit gegenüber der Pose. Bleib, wo du bist, behalte dein Tempo, halte den Blick beim Sprechen. Wer nicht reagiert, hat die Pose ins Leere laufen lassen. Mehr zu diesen Zügen findest du in Statusspiele.

Körpersprache und Selbstgefühl

Bleibt die Frage, ob Haltung wenigstens nach innen wirkt. Hier ist die Forschung vorsichtiger und uneinheitlich. Plausibel ist ein anderer Weg, den der Psychologe Daryl Bem beschrieben hat: Menschen leiten ihre Einstellungen zum Teil aus dem eigenen Verhalten ab. Nicht zwei Minuten Pose vor dem Termin verändern dich, sondern Wochen, in denen du deinen Platz selbst wählst, langsamer sprichst und dich nicht mehr für jede Frage entschuldigst. Das Gefühl folgt dem wiederholten Verhalten.

Dazu kommt der Körper selbst. Ein trainierter Rücken macht aufrechtes Stehen leichter, ein Schreibtisch, an dem du auch stehen kannst, verändert, wie du telefonierst. Das ist keine Pose, sondern Grundlage.

Die Übung für diese Woche

Beobachte an einem Abend nur eine Sache: wohin die Blicke in einer Runde gehen, während jemand spricht. Diese Beobachtung zeigt dir in wenigen Minuten, wessen Meinung im Raum Gewicht hat. Was du danach an dir selbst änderst, und warum es so viel bewirkt, steht im Buch.

Für das Gesamtbild aus Blick, Tempo, Kleidung und Haltung lies Ausstrahlung als Mann. Wie du in einer Runde erkennst, wer oben steht, zeigt Menschen lesen.

Körpersprache in Situationen, die jeder kennt

Beim ersten Treffen mit dem Schwiegervater

Der Vater der Partnerin prüft dich, und die meisten Männer reagieren mit übertriebener Höflichkeit: zu festes Lächeln, zu viel Nicken, zu schnelle Antworten. Ruhiger wirkt, wer einen festen Händedruck gibt, sich setzt, wenn ihm ein Platz angeboten wird, und Fragen in normalem Tempo beantwortet. Wer bei seinen Antworten den Blick hält und bei den Geschichten des anderen entspannt zuhört, statt zu starren, hat die Hälfte gewonnen, bevor es um Inhalte geht.

Beim Autokauf

Der Verkäufer redet schnell, steht nah und tippt auf dem Tablet herum. Der Reflex ist, sich anzupassen, ebenfalls schnell zu reden und ebenfalls nah zu stehen. Wer stattdessen einen halben Schritt Abstand hält, langsam spricht und nach dem Nennen einer Zahl schweigt, verschiebt die Verhandlung, ohne ein einziges Argument mehr zu haben. Der Körper muss dabei gar nichts Besonderes tun. Er muss nur aufhören, Eile zu signalisieren.

Am Tresen

Zwei Männer bestellen. Der eine lehnt sich über die Theke, winkt und entschuldigt sich, als der Barkeeper endlich kommt. Der andere steht ruhig, sucht kurz Blickkontakt und nickt, wenn er gesehen wird. Beide bekommen ihr Bier. Aber nur einer hat dabei Status verschenkt, und jeder in der Nähe hat es gesehen.

Der gemeinsame Nenner aller drei Szenen: Körpersprache wirkt vor allem durch das, was sie weglässt. Keine Hast, keine Beschwichtigung, keine Unruhe. Was übrig bleibt, wird als Souveränität gelesen.

Ein letzter Gedanke zur Übung: Ändere nie mehr als ein Signal pro Woche. Wer gleichzeitig an Blick, Tempo, Haltung und Raum arbeitet, wirkt nicht souverän, sondern einstudiert, und genau das ist das Gegenteil dessen, was du willst. Ein Signal, eine Woche, bis es nicht mehr auffällt. Dann das nächste.

Wer an seiner Körpersprache arbeitet, sollte außerdem ehrlich prüfen, woher die Unruhe kommt. Oft ist sie nicht das Problem, sondern das Symptom: eines Gesprächs, in dem man etwas will, das man nicht bekommen könnte. Wer weniger auf das Ergebnis angewiesen ist, sitzt automatisch ruhiger. Das lässt sich nicht trainieren wie eine Haltung, aber vorbereiten, mit Alternativen und einer klaren Vorstellung davon, was man im Zweifel tut.

Häufige Fragen

Funktioniert die Power Pose?

Die Wirkung auf Hormone und Risikobereitschaft, die eine viel beachtete Studie von 2010 berichtet hatte, ließ sich in größeren Nachuntersuchungen nicht bestätigen. Eine der Autorinnen der Originalstudie hat sich später öffentlich von dem Effekt distanziert. Was teilweise bleibt, ist ein subjektives Gefühl von Stärke. Als Werkzeug für echte Wirkung auf andere taugt die Pose wenig.

Welche Körpersprache wirkt bei Männern souverän?

Ruhe. Langsame, wenige Bewegungen, ein Kopf, der beim Sprechen stillhält, ein Blick, der beim eigenen Reden gehalten wird, und ein Platz, den man selbst gewählt hat und nicht ständig korrigiert. Es geht weniger um bestimmte Haltungen als um das Fehlen von Unruhe und Anpassungsgesten.

Wie viel Blickkontakt ist richtig?

Es kommt weniger auf die Menge an als auf die Verteilung. Menschen mit hohem Status halten den Blick, während sie selbst sprechen, und sehen beim Zuhören auch mal weg. Menschen mit niedrigem Status machen es umgekehrt. Starren beim Zuhören wirkt bemüht, nicht stark.

Wirkt breitbeiniges Sitzen dominant?

Raum nehmen ist ein altes Statussignal, aber übertriebene Raumnahme wird schnell als Imponiergehabe gelesen und kostet Sympathie. Wirksamer ist es, den eigenen Platz zu wählen und ihn ruhig zu halten, statt sich klein zu machen oder demonstrativ auszubreiten.

Weiterlesen

Quellen und weiterführende Literatur
  1. Carney, D. R., Cuddy, A. J. C. & Yap, A. J. (2010): Power posing. Psychological Science, 21(10), 1363–1368.
  2. Ranehill, E., Dreber, A., Johannesson, M., Leiberg, S., Sul, S. & Weber, R. A. (2015): Assessing the robustness of power posing. Psychological Science, 26(5), 653–656.
  3. Hall, J. A., Coats, E. J. & LeBeau, L. S. (2005): Nonverbal behavior and the vertical dimension of social relations: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 131(6), 898–924.
  4. Dovidio, J. F. & Ellyson, S. L. (1982): Decoding visual dominance. Social Psychology Quarterly, 45(2), 106–113.
  5. Tiedens, L. Z. & Fragale, A. R. (2003): Power moves. Journal of Personality and Social Psychology, 84(3), 558–568.