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Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten. Die Kunstgriffe erklärt und wie du dich wehrst

Von Julius KernAktualisiert am 1. November 202610 Min. Lesezeit

Um 1830 schrieb Arthur Schopenhauer ein schmales Manuskript über das Streiten, das er nie veröffentlichte. Es erschien erst nach seinem Tod und wurde unter dem Titel Die Kunst, Recht zu behalten zum Klassiker: achtunddreißig Kunstgriffe, mit denen man einen Disput gewinnt, ob man recht hat oder nicht. Dieser Ratgeber erklärt, was Schopenhauer mit eristischer Dialektik meinte, stellt die bekanntesten Kunstgriffe mit heutigen Beispielen vor und zeigt, wie du dich gegen sie wehrst.

Worum es in Die Kunst, Recht zu behalten geht

Kurz gesagt

Schopenhauer beschreibt Kunstgriffe, mit denen man in einer Diskussion die Oberhand behält, unabhängig davon, ob man in der Sache recht hat. Er nennt das eristische Dialektik, die Kunst zu disputieren, um recht zu behalten. Sein Ausgangspunkt ist nüchtern: Menschen wollen im Streit nicht die Wahrheit finden, sondern gewinnen.

Schopenhauers Erklärung ist bis heute erstaunlich aktuell. Wäre der Mensch redlich, schreibt er sinngemäß, würde jeder in einer Diskussion nur die Wahrheit suchen. Tatsächlich aber verteidigt man eine Behauptung auch dann weiter, wenn man ihre Schwäche längst ahnt, aus Eitelkeit und weil man nicht als jemand dastehen will, der sich geirrt hat. Die eristische Dialektik ist für ihn deshalb keine Anleitung zum Betrug, sondern eine nüchterne Beschreibung dessen, was in Streitgesprächen ohnehin passiert.

Der Text ist kurz, kaum fünfzig Seiten in den meisten Ausgaben, und gerade deshalb so beliebt. Jeder Kunstgriff steht für sich, oft mit einem Beispiel und manchmal mit einem bissigen Kommentar.

Die bekanntesten Kunstgriffe

Schopenhauer nummeriert achtunddreißig Kunstgriffe. Einige davon sind so verbreitet, dass sie fast jeder schon erlebt hat, meist ohne sie benennen zu können.

Die Erweiterung

Die Behauptung des Gegners wird über ihre Grenzen hinaus ausgedehnt, bis sie unhaltbar wird. Wer sagt „Wir sollten weniger Fleisch essen“, wird gefragt, ob er allen Menschen das Grillen verbieten will. Je allgemeiner eine Behauptung, desto leichter ist sie anzugreifen.

Die Homonymie

Ein Wort mit zwei Bedeutungen wird so benutzt, dass die Widerlegung der einen Bedeutung wie die Widerlegung der anderen aussieht. Was der Gegner gemeint hat, spielt dann keine Rolle mehr.

Das Ablenken

Wenn man merkt, dass man verliert, wechselt man das Thema, als gehöre das Neue zur Sache. Schopenhauer beschreibt das als Mittel, eine drohende Niederlage abzuwenden, indem man den Streit plötzlich auf ein anderes Feld führt.

Die Folgerung, die niemand gezogen hat

Aus den Zugeständnissen des Gegners wird eine Schlussfolgerung gezogen und triumphierend verkündet, auch wenn sie gar nicht daraus folgt. Wer selbstbewusst genug auftritt, kommt damit erstaunlich oft durch.

Das Argument gegen die Person

Der bekannteste und letzte Kunstgriff: Wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist, wird man persönlich, beleidigend, grob. Man verlässt den Gegenstand des Streits und greift den Menschen an. Schopenhauer nennt es einen Appell von den Kräften des Geistes an die des Leibes oder an die Tierheit, und er hält ihn für sehr beliebt, weil ihn jeder beherrscht.

Warum die Kunstgriffe heute noch wirken

Kurz gesagt

Die Kunstgriffe wirken, weil Diskussionen selten nur zwischen zwei Menschen stattfinden. Es gibt fast immer Zuhörer, und die bewerten Sicherheit, Tempo und Wirkung schneller als Logik. Moderne Formate wie Talkshows, Kommentarspalten und Gruppenchats belohnen genau diese Taktiken, weil niemand Zeit hat, jedes Argument zu prüfen.

Die moderne Argumentationsforschung hat viele der Kunstgriffe als Fehlschlüsse beschrieben, etwa den Strohmann, das Argument gegen die Person oder den falschen Schluss. Der Philosoph Douglas Walton hat solche Muster systematisch untersucht und gezeigt, dass sie im Alltag oft nicht als Fehler auffallen, weil sie plausibel klingen. Die Psychologie liefert eine zweite Erklärung: Menschen urteilen unter Zeitdruck mit Faustregeln, und eine selbstbewusst vorgetragene Behauptung wirkt dann überzeugender als eine zögerlich vorgetragene richtige.

Wie du dich gegen die Kunstgriffe wehrst

Schopenhauer selbst gibt einen trockenen Rat: Die beste Verteidigung ist, nicht mit jedem zu disputieren, sondern nur mit Menschen, die man kennt und von denen man weiß, dass sie Verstand genug haben, nicht Absurdes vorzubringen. Für alle anderen Fälle helfen ein paar Grundsätze.

  • Benennen statt mitspielen. „Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, wir sollten weniger Fleisch essen.“ Wer die Erweiterung ruhig zurückweist, entzieht ihr die Wirkung.
  • Beim Thema bleiben. Wenn abgelenkt wird, ruhig zurückführen: „Wir waren beim Preis.“
  • Persönliche Angriffe nicht beantworten. Wer auf einen Angriff gegen seine Person mit einem Gegenangriff reagiert, hat den Streit auf die Ebene verlegt, die der andere wollte.
  • Nicht jede Diskussion führen. Ein freundliches „Da kommen wir heute nicht zusammen“ beendet einen Streit, der nicht zu gewinnen ist.

Von recht behalten zu recht bekommen

Band III der Reihe Die Gesetze der Macht trägt einen Titel, der sich bewusst vor Schopenhauer verbeugt und ein Wort verschiebt: Die Kunst, recht zu bekommen. Recht haben ist eine Frage der Tatsachen. Recht bekommen ist eine Frage der Deutung. Schopenhauer beschreibt, was im laufenden Disput passiert. Das Buch von Julius Kern beschreibt die Ebene darunter, die entschieden ist, bevor jemand den ersten Kunstgriff anwendet: welche Worte auf dem Tisch liegen, in welchem Rahmen über eine Sache geredet wird, in welcher Reihenfolge die Fakten kommen und wer die Geschichte zuerst erzählt.

Ein Beispiel aus den drei Gesetzen zur Probe zeigt den Unterschied. Schopenhauers Erweiterung ist ein Trick im Gespräch. Das Gesetz, Wer benennt, besitzt, beschreibt, was vorher passiert: Wer einer Sache ihren Namen gegeben hat, bestimmt, wie über sie gedacht wird, und jeder, der den Namen danach benutzt, arbeitet für ihn, auch wenn er widerspricht. Dagegen hilft kein Gegentrick, sondern nur, das Wort selbst zum Thema zu machen.

Eine zweite Leseprobe ergänzt Schopenhauer an einer Stelle, die er nur streift: Gesetz 35, Wer im fremden Rahmen widerspricht, stimmt zu. Wer innerhalb des Rahmens eines anderen argumentiert, hat den Rahmen anerkannt, auch wenn er in der Sache das Gegenteil sagt. Wie solche Rahmen wirken, erklärt der Ratgeber Framing einfach erklärt, und was Deutungshoheit insgesamt bedeutet, steht in Deutungshoheit.

Welche Ausgabe lesen?

Der Text ist gemeinfrei und in vielen Ausgaben erhältlich, von günstigen Taschenbüchern bis zu kommentierten Fassungen. Für den Einstieg reicht eine schlichte Ausgabe. Wer mehr Hintergrund will, greift zu einer kommentierten Edition, die Schopenhauers lateinische und griechische Zitate übersetzt und die Kunstgriffe einordnet. Und wer danach wissen will, wie Macht und Einfluss jenseits des Streitgesprächs funktionieren, findet im Ratgeber Die 48 Gesetze der Macht den Vergleich mit Robert Greene.

Schopenhauer im Alltag erkennen

Wer die Kunstgriffe einmal gelesen hat, entdeckt sie überall. In Talkshows wird aus einer vorsichtigen Forderung eine absurde Extremposition gemacht, die sich bequem widerlegen lässt. In Kommentarspalten wird ein Thema gewechselt, sobald ein Argument nicht mehr trägt. Am Familientisch wird aus einer Meinungsverschiedenheit über das Urlaubsziel ein Streit darüber, wer immer seinen Willen durchsetzt.

Das Erkennen allein verändert schon viel. Wer merkt, dass ein Kunstgriff angewendet wird, muss nicht mehr darauf reagieren, als wäre es ein Argument. Er kann ruhig benennen, was passiert, oder schlicht beim eigenen Punkt bleiben. Schopenhauer selbst hielt seine Sammlung vor allem für eine Hilfe zur Verteidigung: Man soll die Tricks kennen, um nicht auf sie hereinzufallen.

Ein Hinweis zur Einordnung gehört dazu. Schopenhauer schrieb nicht als Lehrer der Fairness, sondern als scharfer Beobachter menschlicher Eitelkeit. Sein Text ist bewusst zynisch. Wer ihn als Gebrauchsanweisung liest, wird in Diskussionen vielleicht öfter recht behalten, aber selten jemanden überzeugen, und auf Dauer verliert er die Menschen, mit denen er streitet.

Wer Schopenhauer liest, liest am Ende ein Buch über Menschen, nicht über Logik. Das macht ihn so zeitlos, und es macht seine Sammlung zu einem der besten Mittel, sich gegen unfaire Diskussionen zu wappnen.

Häufige Fragen

Worum geht es in Die Kunst, Recht zu behalten?

Um Kunstgriffe, mit denen man in einem Streitgespräch die Oberhand behält, unabhängig davon, ob man in der Sache recht hat. Arthur Schopenhauer hat sie um 1830 als eristische Dialektik beschrieben. Das Manuskript erschien erst nach seinem Tod und ist bis heute ein Klassiker über unfaire Diskussionstaktiken.

Was ist eristische Dialektik?

Eristik ist die Kunst des Streitens um des Siegens willen. Schopenhauer definierte die eristische Dialektik als die Kunst zu disputieren, und zwar so, dass man recht behält, also per fas et nefas, mit erlaubten und unerlaubten Mitteln. Er trennte sie bewusst von der Logik, der es um Wahrheit geht.

Wie viele Kunstgriffe beschreibt Schopenhauer?

Achtunddreißig. Sie reichen von der Erweiterung einer Behauptung über ihre Grenzen hinaus bis zum letzten Kunstgriff, persönlich zu werden, wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist.

Ist das Buch heute noch nützlich?

Sehr, vor allem als Abwehr. Fast jeder der Kunstgriffe begegnet dir in Talkshows, Kommentarspalten und Familienstreits. Wer sie kennt, erkennt sie und muss nicht mehr darauf reagieren, als wären es Argumente.

Was ist der Unterschied zu Die Kunst, recht zu bekommen?

Schopenhauer beschreibt Tricks im laufenden Disput. Die Kunst, recht zu bekommen von Julius Kern beschreibt die Ebene darunter: wie über Worte, Rahmen, Reihenfolge und Geschichten entschieden wird, worüber überhaupt gestritten wird. Recht haben ist eine Frage der Tatsachen, recht bekommen eine Frage der Deutung.

Wie lang ist Die Kunst, Recht zu behalten?

Der Text ist kurz, je nach Ausgabe etwa 50 bis 100 Seiten, weil manche Ausgaben Einleitung, Kommentar und Übersetzungen der lateinischen Zitate enthalten. Die Kunstgriffe selbst lassen sich an einem Abend lesen. Gerade wegen dieser Kürze eignet sich das Buch gut zum wiederholten Nachschlagen.

Weiterlesen

Quellen und weiterführende Literatur
  1. Schopenhauer, A. (1864, postum): Eristische Dialektik. In: J. Frauenstädt (Hrsg.), Aus Arthur Schopenhauer's handschriftlichem Nachlaß. Leipzig: Brockhaus.
  2. Walton, D. (2008): Informal Logic. A Pragmatic Approach. Cambridge: Cambridge University Press.
  3. Tversky, A. & Kahneman, D. (1974): Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185(4157), 1124–1131.
  4. Lakoff, G. (2004): Don't Think of an Elephant! White River Junction: Chelsea Green.