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Selbstbewusstsein als Mann: warum das Gefühl dem Verhalten folgt und nicht umgekehrt

Von Julius KernAktualisiert am 31. Oktober 202610 Min. Lesezeit

Die meisten Männer warten darauf, sich sicher zu fühlen, bevor sie sich sicher verhalten. Sie wollen erst das Selbstbewusstsein, dann das Auftreten. Das klingt logisch und funktioniert fast nie. Dieser Ratgeber erklärt, warum es umgekehrt läuft, welche Gewohnheiten Selbstbewusstsein tatsächlich aufbauen und warum zwei unspektakuläre Dinge das Fundament bilden: Können und Unabhängigkeit.

Der Irrtum, auf das Gefühl zu warten

Kurz gesagt

Selbstbewusstsein entsteht nicht vor dem Verhalten, sondern danach. Menschen leiten ihr Bild von sich selbst zu einem guten Teil aus dem ab, was sie tun. Wer zwei Wochen lang aufhört, sich für jede Frage zu entschuldigen, fühlt sich danach anders. Wer auf das Gefühl wartet, wartet oft vergeblich.

Der achte Irrtum, den Die Rangordnung vor den eigentlichen Gesetzen ausräumt, lautet: Erst kommt das Selbstbewusstsein, dann das Auftreten. Der Psychologe Daryl Bem hat in den sechziger und siebziger Jahren die Selbstwahrnehmungstheorie entwickelt. Ihre Kernaussage: Menschen leiten ihre eigenen Einstellungen zu einem guten Teil aus ihrem eigenen Verhalten ab, so wie sie die Einstellungen anderer aus deren Verhalten ableiten. Wer sich selbst dabei beobachtet, wie er ruhig Nein sagt, folgert irgendwann, dass er jemand ist, der Nein sagen kann.

Das ist die beste Nachricht für jeden, der sich unsicher fühlt. Du musst dein Inneres nicht erst umbauen. Du musst nur anfangen, dich in kleinen Dingen anders zu verhalten, und das Gefühl holt nach. Der siebte Irrtum im Buch formuliert die Konsequenz: Status hat man nicht, oder man hat ihn nicht, sondern er wird über Gewohnheiten verhandelt. Charakter ändert man schwer, Gewohnheiten in Wochen.

Was nicht funktioniert

Zwei beliebte Methoden halten der Prüfung schlecht stand. Die erste ist die Power Pose. Die Studie von 2010, nach der zwei Minuten in einer raumgreifenden Haltung Hormone und Risikobereitschaft verändern, ließ sich 2015 in einer größeren Nachuntersuchung von Eva Ranehill und Kollegen nicht bestätigen. Die Rangordnung sagt es deutlich: Das ist kein Posieren und keine Siegerpose, denn die hat in Überprüfungen nicht gehalten. Es ist echtes, wiederholtes Verhalten im Alltag, und das Gefühl folgt ihm.

Die zweite sind Affirmationen. Die Psychologin Joanne Wood und Kollegen haben 2009 gezeigt, dass Sätze wie „Ich bin ein liebenswerter Mensch“ Menschen mit hohem Selbstwert etwas besser fühlen ließen, Menschen mit niedrigem Selbstwert aber schlechter. Wer sich innerlich etwas vorsagt, das er nicht glaubt, spürt den Widerspruch umso deutlicher. Verhalten erzeugt dagegen Belege, und gegen Belege kann der innere Kritiker wenig sagen.

Fünf Gewohnheiten, die Selbstbewusstsein bauen

  1. Keine ungefragten Erklärungen

    Gesetz 10: Wer sich erklärt, senkt seinen Status, auch vor sich selbst. Absagen in einem Satz, Bitten ohne Vorrede, Entschuldigungen nur für echte Fehler. Jede Absage ohne Begründung ist ein kleiner Beleg dafür, dass deine Entscheidungen keine Genehmigung brauchen.

  2. Langsamer antworten

    Wer langsamer antwortet, wirkt nicht nur ruhiger, er wird es auch, weil er sich die Zeit nimmt, die er braucht.

  3. Einmal pro Runde etwas mit Gewicht

    Zwei Sätze, eine klare Meinung. Nicht mehr. Jedes Mal, wenn du es tust und die Welt nicht untergeht, wird es leichter.

  4. Zusagen halten, auch kleine

    Selbstvertrauen ist wörtlich das Vertrauen in dich selbst, und es entsteht wie jedes Vertrauen: aus gehaltenen Versprechen, auch denen an dich.

  5. Einen Fehler zugeben

    Ein Satz, ruhig, ohne Girlande. Wer das kann, muss nicht mehr perfekt sein, und wer nicht mehr perfekt sein muss, ist frei.

Die Forscherin Phillippa Lally und Kollegen haben 2010 untersucht, wie lange es dauert, bis neue Verhaltensweisen automatisch werden. Die Spanne war groß, im Mittel waren es gut zwei Monate. Deshalb verteilt der Plan im Buch die Änderungen auf einzelne Wochen: Wer alles auf einmal ändern will, hört nach drei Tagen auf.

Das Fundament: Können und Unabhängigkeit

Kurz gesagt

Gewohnheiten verändern, wie du wirkst. Das Fundament von Selbstbewusstsein liegt aber tiefer: in etwas, das du wirklich kannst, und in Alternativen, die dich unabhängig machen. Wer beides hat, muss sich nicht zu Ruhe zwingen. Er ist ruhig, weil er weniger zu verlieren hat.

Können erzeugt Selbstvertrauen, wenn du es selbst siehst. Ein Handwerk, ein Sport, ein Fachgebiet, in dem du besser bist als die meisten um dich herum. Robert Greene beschreibt in seinem Buch Mastery, wie solche Meisterschaft entsteht: langsam, über Jahre, durch geduldige Übung. Es gibt keinen schnelleren Weg zu echtem Selbstbewusstsein, aber auch keinen sichereren. Wann Können auch nach außen Gewicht bekommt, beschreibt das letzte Kapitel der Rangordnung.

Die zweite Grundlage ist Unabhängigkeit. Wer weiß, dass er eine Weile ohne sein jetziges Einkommen auskäme, und wer Menschen außerhalb seines Alltags hat, die ihn für etwas schätzen, das er kann, sitzt in jeder Auseinandersetzung anders am Tisch. Das ist kein Gefühl, sondern eine Lage, und eine Lage lässt sich bauen. Wie das Buch daraus Gesetze macht, steht im sechsten Kapitel.

Der Körper als Grundlage

Ein Teil des Selbstbewusstseins sitzt im Körper, aber anders, als Posing-Ratgeber behaupten. Nicht die Haltung für zwei Minuten verändert dich, sondern ein Körper, den du über Monate trainiert hast. Wer regelmäßig Kraft trainiert, hat jede Woche einen Beleg dafür, dass er Dinge durchziehen kann, die anstrengend sind.

Selbstbewusstsein ist nicht Lautstärke

Viele Männer verwechseln Selbstbewusstsein mit seinem Zerrbild. Der Lauteste in der Runde, der Angeber mit dem großen Auto, der Mann, der jeden Widerspruch als Angriff nimmt, wirken auf den ersten Blick selbstbewusst. Meist ist es umgekehrt: Sichtbare Zurschaustellung ist ein Zeichen von Unsicherheit über die eigene Position, das hat schon der Ökonom Thorstein Veblen beobachtet.

Ruhige Männer haben deshalb einen Vorteil, den sie oft nicht kennen. Die wirksamsten Gesetze verlangen keine Lautstärke: Tempo, Blick, der Verzicht auf Erklärungen, der nächste Schritt und sichtbares Können. Wer introvertiert ist, muss nur eine Sache ändern, nämlich in jeder Runde einmal etwas mit Gewicht sagen. Ruhige Männer, die das tun, werden meist ernster genommen als laute. Mehr dazu in Sigma-Mann.

Der Selbsttest: wo du heute stehst

Das Buch enthält einen Selbsttest mit zwölf Aussagen über die letzten Wochen. Die Auswertung ist ehrlich: Wer überwiegend die schwächste Antwort gibt, verschenkt jeden Tag Status in kleinen Dingen. Das sagt nichts über seinen Wert, sondern etwas über seine Gewohnheiten. Und sie nennt für jedes Ergebnis die Gesetze, mit denen man anfängt, statt alles auf einmal zu wollen.

Wie du dein Selbstbewusstsein gegenüber Menschen hältst, die dich kleinmachen wollen, steht in Respekt verschaffen. Und wenn du merkst, dass dein Problem weniger fehlendes Selbstbewusstsein als zu viel Nettigkeit ist, lies Nice-Guy-Syndrom.

Dieser Ratgeber richtet sich an Männer, die sicherer auftreten wollen. Wenn Unsicherheit dich stark einschränkt, du soziale Situationen meidest oder dauerhaft niedergeschlagen bist, sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Praxis. Ein Ratgeber ersetzt keine Behandlung.

Selbstbewusstsein und Vergleich

Ein letzter Punkt untergräbt das Selbstbewusstsein vieler Männer täglich: der Vergleich. Dabei gibt es keinen allgemeinen Rang, an dem du gemessen wirst, nur einzelne Beziehungen, in denen du mal oben und mal unten stehst. Der Freund, der mehr verdient, steht dir gegenüber in einer Hinsicht oben und in anderen nicht. Wer das verinnerlicht, hört auf, sich mit allen gleichzeitig zu vergleichen.

Gesetz 38 zeigt, wohin die Reise geht: Der beste Status ist der, den niemand bemerkt. Wer oft darüber nachdenkt, wie er dasteht, hat meist kein allgemeines Problem, sondern eine einzige Beziehung, in der etwas nicht stimmt. Frag dich am Ende der Woche, bei welchem Menschen du am häufigsten über deine Stellung nachgedacht hast. Schreib den Namen auf und überleg dir einen einzigen Schritt mit diesem Menschen. Das bringt mehr als jede allgemeine Arbeit am Selbstwert.

Wichtig ist auch, Rückschläge einzuplanen. Es wird Abende geben, an denen du in alte Muster fällst, dich dreifach erklärst oder still in der Ecke stehst. Das ist kein Beweis, dass es nicht funktioniert, sondern der normale Verlauf jeder Gewohnheitsänderung.

Entscheidend ist, am nächsten Tag weiterzumachen. Selbstbewusstsein wächst nicht durch fehlerfreie Tage, sondern durch viele gewöhnliche, an denen du dein Verhalten trotzdem ein Stück verändert hast.

Häufige Fragen

Wie bekomme ich als Mann mehr Selbstbewusstsein?

Indem du nicht auf das Gefühl wartest, sondern dein Verhalten änderst. Weniger erklären, langsamer sprechen, in jeder Runde einmal etwas mit Gewicht sagen, Zusagen halten. Das Gefühl folgt diesem Verhalten mit einigen Wochen Abstand. Dazu kommt die Grundlage: Können, das andere sehen, und Unabhängigkeit, also echte Alternativen.

Woran erkennt man einen selbstbewussten Mann?

An dem, was fehlt: keine Hast, keine ungefragten Erklärungen, kein Suchen nach Bestätigung, keine Zurschaustellung. Ein selbstbewusster Mann kann einen Fehler zugeben, ohne zu wanken, und Nein sagen, ohne sich zu rechtfertigen. Lautstärke und Angeberei sind meist Zeichen des Gegenteils.

Helfen Affirmationen oder Power Posen?

Wenig. Die berühmte Power Pose hat in größeren Nachuntersuchungen ihre behaupteten Effekte nicht bestätigt. Affirmationen können bei Menschen mit niedrigem Selbstwert sogar nach hinten losgehen. Wirksamer ist echtes, wiederholtes Verhalten im Alltag, aus dem du selbst ablesen kannst, wer du bist.

Wie lange dauert es, Selbstbewusstsein aufzubauen?

Kleine Änderungen an Sprache und Tempo spürst du nach zwei bis vier Wochen. Das stabile Fundament, also Können, Ruf und Unabhängigkeit, braucht ein halbes bis ein ganzes Jahr. Wer nach einem Monat nichts merkt, hat meistens zu viel gleichzeitig verändert.

Was tun bei starker Unsicherheit oder sozialer Angst?

Wenn Unsicherheit dein Leben stark einschränkt, du soziale Situationen meidest oder dauerhaft niedergeschlagen bist, sprich mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt oder einer psychotherapeutischen Praxis. Soziale Angst ist gut behandelbar, und ein Ratgeber ersetzt keine Behandlung.

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Quellen und weiterführende Literatur
  1. Bem, D. J. (1972): Self-perception theory. In L. Berkowitz (Hrsg.), Advances in Experimental Social Psychology, Bd. 6, 1–62. New York: Academic Press.
  2. Wood, J. V., Perunovic, W. Q. E. & Lee, J. W. (2009): Positive self-statements: Power for some, peril for others. Psychological Science, 20(7), 860–866.
  3. Ranehill, E., Dreber, A., Johannesson, M., Leiberg, S., Sul, S. & Weber, R. A. (2015): Assessing the robustness of power posing. Psychological Science, 26(5), 653–656.
  4. Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W. & Wardle, J. (2010): How are habits formed. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998–1009.
  5. Greene, R. (2012): Mastery. New York: Viking.