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Statussymbole: warum sie oft das Gegenteil von Status verraten

Von Julius KernAktualisiert am 1. November 20269 Min. Lesezeit

Der große Wagen vor dem Restaurant, die Uhr, die beim Händeschütteln aus dem Ärmel blitzt, das Foto aus der Business-Lounge. Statussymbole sollen zeigen, wo jemand steht. Die Forschung zeigt aber etwas Überraschendes: Sie verraten oft mehr über den Wunsch nach Status als über den Status selbst. Dieser Ratgeber erklärt, was Statussymbole sind, warum Menschen sie zeigen, welche neuen Symbole die alten ablösen und was echten Status ausmacht.

Was Statussymbole sind

Kurz gesagt

Statussymbole sind sichtbare Zeichen, die eine bestimmte Stellung anzeigen sollen: Autos, Uhren, Kleidung, Wohnort, aber zunehmend auch freie Zeit, Reisen, Fitness oder volle Terminkalender. Sie funktionieren nur, wenn andere sie erkennen und als Zeichen von Rang deuten. Deshalb ändern sich Statussymbole ständig mit der Gruppe, in der sie gezeigt werden.

Statussymbole gibt es, seit es Rangordnungen gibt. In vielen historischen Gesellschaften war genau geregelt, wer welche Farben, Stoffe oder Schmuckstücke tragen durfte. Heute ist fast alles käuflich, und gerade deshalb ist die Frage interessanter geworden: Wenn jeder sich die Uhr leisten kann, die früher nur Fürsten trugen, was zeigt sie dann noch an?

Die Psychologie gibt eine klare Antwort darauf, warum Menschen sich überhaupt für solche Zeichen interessieren. Cameron Anderson und Kollegen haben 2015 in einer großen Übersichtsarbeit beschrieben, dass das Streben nach Status ein grundlegendes menschliches Motiv ist. Menschen wollen geachtet werden, und Symbole versprechen eine Abkürzung dorthin.

Veblen und der demonstrative Konsum

Der Ökonom Thorstein Veblen hat 1899 den Begriff des demonstrativen Konsums geprägt. Er beschrieb, wie wohlhabende Schichten Dinge kaufen, um gesehen zu werden, nicht um sie zu nutzen. Je teurer und je nutzloser, desto deutlicher das Signal: Ich kann es mir leisten, Geld zu verschwenden. Veblens Beobachtung hatte allerdings eine Pointe, die oft übersehen wird. Diese Zurschaustellung trat vor allem bei denen auf, die ihren Platz erst beweisen mussten. Alter Adel hatte es weniger nötig als neue Aufsteiger.

Diese Pointe ist bis heute der Kern jeder ernsthaften Beschäftigung mit Statussymbolen. Wer sicher steht, muss weniger zeigen. Wer viel zeigt, verrät dabei oft, dass er sich seiner Stellung nicht sicher ist. Im Buch Die Rangordnung hat genau dieser Mechanismus ein eigenes Gesetz, im Kapitel über den Preis des Status.

Was die Forschung über Statussymbole sagt

Kurz gesagt

Statussymbole wirken, aber anders, als ihre Träger hoffen. Luxusmarken können in bestimmten Situationen bessere Behandlung bewirken. Gleichzeitig gewinnen leise Signale an Gewicht: bewusste Abweichung von Konventionen, Bildung und sogar demonstrative Beschäftigtheit. Was als Statussymbol gilt, hängt stark davon ab, wer zuschaut.

Luxus wirkt, in Grenzen

Rob Nelissen und Marijn Meijers haben 2011 in mehreren Experimenten gezeigt, dass Menschen mit sichtbaren Luxusmarken in bestimmten Situationen als wohlhabender und statushöher eingeschätzt und teilweise bevorzugt behandelt wurden. Der Effekt war real, aber an Bedingungen geknüpft: Er funktionierte vor allem bei Fremden und in Situationen, in denen sonst wenig Information über die Person vorlag.

Der Red-Sneakers-Effekt

Silvia Bellezza, Francesca Gino und Anat Keinan haben 2014 einen gegenteiligen Effekt beschrieben. Wer in einem formellen Umfeld bewusst von den Regeln abweicht, etwa mit roten Turnschuhen bei einer Veranstaltung mit Dresscode, kann unter bestimmten Bedingungen als besonders statushoch wahrgenommen werden. Die Abweichung signalisiert: Ich muss mich nicht anpassen. Wichtig ist, dass sie als bewusst erkannt wird. Sonst wirkt sie nur wie ein Fehler.

Beschäftigtsein als Statussymbol

Ein dritter Befund betrifft ein Symbol, das gar nichts kostet. Bellezza, Neeru Paharia und Keinan haben 2017 gezeigt, dass in den USA demonstrativ wenig Freizeit und ständige Beschäftigung als Zeichen hohen Status gelesen werden. Der Satz „Ich bin total ausgelastet“ ist damit eine moderne Form des teuren Autos. Interessanterweise war der Effekt in Italien schwächer, wo Freizeit traditionell eher als Zeichen von Status galt. Statussymbole sind also kulturell und sozial verhandelbar.

Die neuen Statussymbole

In vielen Kreisen haben sich die Symbole verschoben. Statt des großen Autos zählt das Wissen, welches man nicht braucht. Statt der Logo-Tasche die Marke, die nur Kenner erkennen. Dazu kommen Symbole, die Zeit und Bildung voraussetzen: ein Marathon, ein Handwerk, das man beherrscht, ein Bücherregal, das gelesen wurde, Reisen abseits der Massen.

  • Zeit: Wer sich Zeit nehmen kann, signalisiert Unabhängigkeit.
  • Gesundheit und Fitness: Ein trainierter Körper zeigt Disziplin über Jahre.
  • Können: Wer etwas wirklich beherrscht, wird gefragt, nicht bewundert.
  • Diskretion: Leise Qualität statt lauter Marken.
  • Beziehungen: Menschen, die einen anrufen, wenn sie Rat brauchen.

Auffällig ist, dass sich viele dieser neuen Symbole nicht kaufen lassen. Sie entstehen über Zeit, und genau deshalb werden sie geschätzt.

Warum Statussymbole oft das Gegenteil verraten

Im Alltag zeigt sich Veblens Pointe ständig. Der Mann, der in jeder Runde beiläufig erwähnt, was sein neues Auto gekostet hat, wird selten als der wahrgenommen, auf dessen Urteil die anderen warten. Der, der wenig über sich erzählt und trotzdem gefragt wird, schon. Statussymbole sind dann am wirksamsten, wenn sie nicht als Symbole eingesetzt werden, also wenn jemand die gute Uhr trägt, weil sie ihm gefällt, und nicht darüber spricht.

Das hat mit einem Grundsatz zu tun, den die Leseprobe aus Die Rangordnung mit Gesetz 38 auf den Punkt bringt: Der beste Status ist der, den niemand bemerkt. Eine gefestigte Stellung erkennt man daran, dass sie kein Thema mehr ist. Wer seinen Status vorführen muss, zeigt, dass er für ihn noch eines ist.

Was echten Status ausmacht

Wenn Symbole nur begrenzt wirken, was dann? Die Forschung zu Dominanz und Prestige gibt eine nüchterne Antwort. Joseph Henrich und Francisco Gil-White haben beschrieben, dass Menschen anderen dann freiwillig Ansehen schenken, wenn diese etwas können, das die Gruppe braucht. Prestige entsteht aus Können, Verlässlichkeit und dem Umgang mit anderen, nicht aus Besitz. Mehr dazu im Grundlagentext Sozialer Status und im Ratgeber Alpha-Männchen.

Das heißt nicht, dass man auf schöne Dinge verzichten muss. Ein gutes Hemd, eine schlichte Uhr, ein gepflegtes Auftreten sind eine Grundlage, auf der Verhalten wirken kann. Sie ersetzen es nur nicht. Wie Kleidung und Auftreten zusammenspielen, steht in Ausstrahlung als Mann.

Die Übung für diese Woche

Achte eine Woche lang darauf, wie oft in deinen Gesprächen Statussymbole auftauchen, bei dir und bei anderen: Marken, Preise, Reiseziele, die eigene Auslastung. Beobachte, wer sie erwähnt und wie die anderen reagieren. Und beobachte, wer in denselben Runden am meisten Gewicht hat. Es ist selten derselbe Mensch.

Statussymbole im Freundeskreis

Im eigenen Umfeld funktionieren Statussymbole anders als bei Fremden. Unter Menschen, die sich gut kennen, ist das teure Auto schnell eingeordnet: Man weiß, wie es finanziert wurde, wie der Besitzer im Alltag ist, was er kann und was nicht. Die Studien von Nelissen und Meijers deuten genau in diese Richtung. Symbole wirken vor allem dort, wo sonst wenig Information vorliegt.

Im Freundeskreis zählt deshalb anderes: wer verlässlich ist, wer hilft, wenn es eng wird, wessen Urteil man sucht. Wer hier mit Symbolen auftrumpft, löst eher Spott oder stillen Abstand aus als Bewunderung. Das ist der Grund, warum der Mann mit dem größten Gewicht in einer alten Freundesrunde oft der ist, der am wenigsten über Besitz redet.

Ein weiterer Effekt betrifft den Vergleich. Wer sich ständig an den Symbolen anderer misst, verliert fast immer, weil es immer jemanden mit einem größeren Auto gibt. Status, der auf Können und Beziehungen beruht, ist dagegen schwer zu vergleichen und deshalb stabiler. Das ist kein moralisches Argument gegen schöne Dinge, sondern ein praktisches: Wer seine Stellung auf Symbole baut, baut sie auf etwas, das jeder kaufen kann.

Statussymbole sind also nicht wertlos, aber sie sind Beiwerk. Das, worauf es ankommt, lässt sich nicht kaufen, nur über Jahre aufbauen.

Häufige Fragen

Was sind Statussymbole?

Statussymbole sind Gegenstände, Marken oder Verhaltensweisen, die zeigen sollen, welche Stellung jemand hat oder haben möchte. Klassische Beispiele sind teure Autos, Uhren, Designerkleidung oder ein Haus in bester Lage. Heute gehören auch Reisen, Fitness, eine volle Auslastung oder exklusive Erlebnisse dazu, die in sozialen Netzwerken gezeigt werden.

Warum zeigen Menschen Statussymbole?

Weil Status für Menschen ein grundlegendes Motiv ist und Symbole ihn schnell sichtbar machen. Studien zeigen, dass Luxusmarken in manchen Situationen tatsächlich bessere Behandlung bewirken. Gleichzeitig tritt demonstrativer Konsum vor allem dort auf, wo jemand seinen Platz erst beweisen muss.

Welche Statussymbole sind heute angesagt?

Neben Auto und Uhr gewinnen leisere Symbole an Bedeutung: freie Zeit, Bildung, Gesundheit, Reisen abseits der Massen und Marken, die nur Kenner erkennen. Forscher beschreiben außerdem, dass Beschäftigtsein selbst zum Statussymbol geworden ist, also die Botschaft, sehr gefragt zu sein.

Machen Statussymbole einen Mann attraktiver?

Kurzfristig können sie Aufmerksamkeit erzeugen. Auf Dauer zählen Verhalten, Verlässlichkeit und Ruhe mehr. Wer sein Auftreten stark auf Symbole stützt, wirkt oft, als müsse er etwas beweisen, und genau das wird gelesen.

Was ist der Red-Sneakers-Effekt?

Ein Befund aus der Konsumforschung: Wer in einem formellen Umfeld bewusst von den Regeln abweicht, etwa mit roten Turnschuhen bei einer Veranstaltung mit Dresscode, wird unter bestimmten Bedingungen als statushöher eingeschätzt. Voraussetzung ist, dass die Abweichung als bewusst und selbstsicher erkannt wird, nicht als Versehen.

Was ist demonstrativer Konsum?

Der Begriff stammt vom Ökonomen Thorstein Veblen und beschreibt den Kauf von Dingen, um gesehen zu werden, nicht um sie zu nutzen. Je sichtbarer und je teurer, desto stärker das Signal. Veblen beobachtete, dass dieses Verhalten besonders bei Menschen auftritt, die ihren gesellschaftlichen Platz erst beweisen müssen.

Weiterlesen

Quellen und weiterführende Literatur
  1. Veblen, T. (1899): The Theory of the Leisure Class. New York: Macmillan.
  2. Nelissen, R. M. A. & Meijers, M. H. C. (2011): Social benefits of luxury brands as costly signals of wealth and status. Evolution and Human Behavior, 32(5), 343–355.
  3. Bellezza, S., Gino, F. & Keinan, A. (2014): The red sneakers effect. Journal of Consumer Research, 41(1), 35–54.
  4. Bellezza, S., Paharia, N. & Keinan, A. (2017): Conspicuous consumption of time: When busyness and lack of leisure time become a status symbol. Journal of Consumer Research, 44(1), 118–138.
  5. Anderson, C., Hildreth, J. A. D. & Howland, L. (2015): Is the desire for status a fundamental human motive? Psychological Bulletin, 141(3), 574–601.